Mittwoch, 27.05.2020, die Social Media Plattform Twitter unterzieht einen Post des Amerikanischen Präsidenten Donald Trump einem Faktencheck und markiert den Tweet mit dem Hinweis, Trump’s Behauptung, Briefwahl würde Wahlmanipulation Vorschub leisten, sei unbegründet. Es dauert nur wenige Stunden bis der Präsident mit der Schließung von Online-Netzwerken droht. Die Geschichte bis hierhin eine Weiterer, beinah amüsant erscheinende Randnotiz; eine steile Vorlage für nicht viel mehr als eine vor Sarkasmus triefende Small Talk Eröffnung, welche die abgestumpfte emotionale Gleichgültigkeit gegenüber dem Benehmen des US Präsidenten – ganz gleich dem Ausmaß seiner Absurdität – erschreckend deutlich aufzeigt. Doch dann – Donnerstag, 28.05.2020: Facebook’s Mark Zuckerberg meldet sich zu Wort. Er sei nicht der Meinung, dass Facebook der Schiedsrichter über die Wahrheit dessen sein sollte, was online gesagt wird. Damit stellt sich Zuckerberg hinter die Beschwerde Trumps und spricht sich öffentlich gegen das Eingreifen des Kurznachrichtendienstes Twitters aus.

Befeuert durch aktuelle Anlässe wird derzeit an jeder Ecke über die meinungsbildende Bedeutung von Facebook, Twitter & Co. debattiert. Welche Verantwortung haben die Plattformen, der Verbreitung von Fake News und Verschwörungstheorien entgegen zu wirken? Sollten die Diensteanbieter sich in der Pflicht sehen, die Interaktionen und Äußerungen auf ihren Kanälen aktiver zu überwachen, zu kontrollieren, zu bereinigen? In welchem Umfang ist dies technisch möglich und – die wohl wichtigste Frage von allen – wollen wir wirklich einigen wenige Tech-Giganten eine solch wahrheitsredigierende Vormachtstellung einräumen?

Es geht um demokratische Legitimation, um Meinungsfreiheit und den unausweichlichen Dualismus von Macht und Verantwortung.

Zuckerbergs Reaktion kann als Aussprache für das Recht auf freie Meinungsäußerung und gegen redaktionelle Kontrolle über die Wahrheit auf Seiten der Anbieter sozialer Netzwerke ausgelegt werden. Genauso gut kann sein Stellungnahme aber auch als Akt der Feigheit, als ein Ausweichen vor der eigenen Verantwortung und eine bewusste Ablenkung vor der eigenen Machtposition interpretiert werden.

Facebook, Twitter & Co. sind mächtig, aber sie hüten sich davor, dass die Öffentlichkeit diese Macht in ihrem ganzen Ausmaß realisiert. Der enorme wirtschaftliche Erfolg dieser Unternehmen ist abhängig von ihrer gesellschaftlichen Reichweite, der Intimität ihres Wissens und ihrer Fähigkeit menschliches Verhalten unfassbar gezielt zu analysieren und zu beeinflussen. Doch wer würde eine solche Machtstellung offen zugeben wollen? Warum die ohnehin anstrengenden Debatten um weitreichendere Verantwortungen oder stärkere Regulierung eigenständig anfeuern?

Macht und Verantwortung sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

Mit Blick auf derzeitige gesellschaftliche Beobachtungen und die weiterhin steigende Bedeutung von digitalen Plattformen im Kontext öffentlicher Meinungsbildung, erscheint ein stärkeres Einbeziehen der Betreiber sozialer Netzwerke im Kampf gegen Fake News, Verschwörungstheorien und online-gebrütete Radikalisierung unausweichlich. Die Unternehmen hinter den sozialen Netzwerken können sehr viel. Was bleibt sind die Fragen inwieweit sie dies zugeben, mit welchen Vorwänden sie sich aus der Verantwortung zu ziehen versuchen und wieviel wir als Gesellschaft letztendlich von ihnen einfordern wollen.