Ich habe vor kurzem ein ganz grandioses Buch beendet: “Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus” von Shoshana Zuboff (welches ihr übrigens auch in den Data& Reading List findet). Auf 727 Seiten nimmt die Harvard-Ökonomin Zuboff die Wirtschafts- und Gesellschaftsdynamiken unserer Gegenwart auseinander und zeigt auf, wie die Verbreitung von Methoden der Datenauswertung und Verhaltensmanipulation ökonomische und soziale Veränderungen vorantreibt, die den Menschen auf einen Lieferanten von Verhaltensdaten reduzieren. Granted, kein Quick-Read, sondern eher Vollkornkost mit einiges an Substanz und viel zu beißen. Aber die Wirklichkeit ist eben weniger Milkshake und Zuboffs Fähigkeit, die Komplexität dieser neuen Form der kapitalistischen Wirtschaftsordnung umfassend zu analysieren, ist absolut beeindruckend. Das Buch macht eindrücklich, dass es um soviel mehr geht als Datenschutz oder Wettbewerbsverzerrung durch Plattform-Riesen. Es geht um Manipulation; um das zielgerichtete Eingreifen in die Realitätserfahrung des Einzelnen als logische Folge eines datengetriebenen Wirtschaftszweiges, der sich nicht länger mit Tracking und Vorhersage von menschlichem Verhalten zufrieden stellt. Es geht um menschliche Souveränität, Autonomie und das Recht auf eine selbstbestimmte Zukunft, welche durch wachsenden Druck verhaltensoptimierender Systeme bedroht sind.

Ich bin kein Fan von Must-Irgendwas, aber “Überwachungskapitalismus” ist ein Buch für einen (internationalen) Lehrplan, um der Generation junger Erwachsener Worte an die Hand zu geben, mit denen sie die aktuelle Wirklichkeit erfassen und somit bewerten können. Es braucht ein Bewusstsein für den Status Quo, um eine Version der Zukunft einzufordern, in der die eigene Persönlichkeit über die statistischen Grenzen digitaler Doppelgänger hinaus reicht. Es ist ein Buch, das als Pflichtlektüre vor dem Kauf von Smart Home Systemen zu verschreiben wäre – zu lesen, bevor man die Alexa-Box öffnen darf. Zugegeben, 727 Seiten sind ein Batzen, aber im Alexa-Beipackzettel wäre auch eine gekürzte Zusammenfassung schon ein Fortschritt. Vor allem ist es ein Buch für all die smarten Menschen, die sich im ökonomischen Höher-Weiter-Schneller ein Wettrennen um die Tech-Trend-Entwicklung von morgen liefern. Mich begeistern Innovationen, die wirklichen Mehrwert stiften – oder meinetwegen wenigstens nichts kaputt machen – aber wie viel spannender wären Diskussionen um die Technologisierung unserer Gesellschaft, wenn alle Beteiligten mit den Kernideen von Zuboffs “Überwachungskapitalismus” vertraut wären. Für alle Beipackzettel-Wegschmeißer und Blinkist-Anhänger wage ich einen Aufschlag.

Die Kernideen des Buches “Im Zeitalter des Überwachungskapitalismus” von Shoshana Zuboff:

Während die Entwicklung des Kapitalismus im 20. Jahrhundert eine Verwandlung von Lebenszeit, Natur und Austausch in die marktwirksamen Güter Arbeit, Grundbesitz und Geld sah, erklärt die laut Zuboff “Überwachungskapitalismus” titulierte Wirtschaftsdynamik des 21. Jahrhunderts individuelle menschliche Erfahrung zum (kostenlosen) Produktionsrohstoff. Menschliche Erfahrung wird somit für den Markt beansprucht, in analysefreundliche Verhaltensdaten verpackt und als “behavioral surplus” (Verhaltensüberschuss) mit handelbarem Vorhersagewert in die Versorgungsketten der New-Age-Fabriken geschleust.

Ermöglicht wird dieses Abgreifen von Verhaltensdaten durch eine stetig wachsende Extraktionsarchitektur, deren Ursprung einst im Tracking von Online-Verhalten lag, welche mittlerweile jedoch weit darüber hinausgeht: Mit der Verbreitung vernetzter Geräte in jeglichen Bereichen des öffentlichen und privaten Raums und einer zunehmenden Verschiebung menschlicher Lebenszeit in digitale Umgebungen, dringt die Reichweite der Extraktionsarchitektur in immer mehr und immer tiefere Ebenen menschlichen Verhaltens vor. Kindergeheimnisse aufgegriffen durch vernetztes Spielzeug, Schlafgewohnheiten, häusliche Geräuschpegel und mitgeschnittene Esstischunterhaltungen – menschliches Verhalten wird zum Rohstoff für Systeme der Maschinenintelligenz, deren Aufgabe es ist, zu erahnen was wir jetzt, bald oder irgendwann in der Zukunft tun werden. Es gibt sehr viele Akteure die (aus unterschiedlichen Motiven) ein Interesse daran haben, Wetten auf zukünftiges menschliches Verhalten abzuschließen. Schon bald florierte somit der Handel von Verhaltensvorhersagen auf eigens dafür konstituierten Märkten (Zuboff spricht von “behavioral futures markets”) – ein Handel, der wohlbekannte Tech-Giganten immens reich gemacht hat.

Wir alle kennen den Satz “Wenn es nichts kostet, bist Du das Produkt”. Laut Zuboff erfasst dieses Klischee den momentanen Stand der Dinge (leider) nicht ganz: Wir sind nicht einmal das Produkt; wir sind nichts weiter als eine kostenlose Quelle für den Rohstoff, der dann zu marktfähigen Produkten weiterverarbeitet wird. Autsch.

Zuboff’s Auseinandersetzung mit dem historischen Kontext in welchem sich das Menschenwerk “Überwachungskapitalismus” entwickelt hat – bzw. entwickelt wurde – ist ausschweifend und höchst lesenswert. In aller Kürze begann es mit der benötigten Lösung für die finanziell schwierige Lage der Tech-Industrie nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Werbebasierte Geschäftsmodelle betreten die Bühne und schon bald entsteht ein gesteigertes Interesse an der Möglichkeit, die Relevanz geschalteter Onlinewerbung durch die Analyse von Nutzerverhalten zu optimieren. Ein aggressiver Ausbau der Methoden und Infrastruktur zur Erfassung und Verarbeitung von behavioral surplus beginnt. Nun streuen wir einiges an Marktlogik, finanzieller Tüchtigkeit, öffentlichkeitswirksamen Narrativen und smarten Menschen mit in den Mix und raus kommt ein Standardmodell des Informationskapitalismus, dem sich heutzutage fast jedes Internetunternehmen, jede App und etliche Startups bedienen. In seiner heutigen Form beschränkt sich der Informationskapitalismus keinesfalls mehr auf personalisierte Online-Werbung, sondern umfasst eine ausschweifende Bandbreite menschlichen Verhaltens, sowie Produkte und Dienstleistungen in nahezu allen Bereichen wirtschaftlicher (und gesellschaftlicher) Interaktion inklusive Gesundheitssektor, Versicherung, Unterhaltung, Bildung, Transport, Einzelhandel, Politik.

“Okay, Datenerfassung ist nicht so nice, aber eigentlich habe ich ja nichts zu verbergen und die Daten werden doch auch zur Verbesserung von Produkten und Dienstleistungen genutzt; und den Rest macht doch die DSGVO!(?)”

Argumentationsketten, die die Bedenklichkeit der verhaltenserfassenden Datensammelwut des Informationskapitalismus herabzuspielen versuchen, sind mannigfaltig und kreisen im Wesentlichen meist um den Mehrwert gewonnener Bequemlichkeit und Personalisierung, eine unstreitige Wahrnehmung von Innovation als Fortschritt oder ein schlichtes Unverständnis für angebliche Gefahren. Häufig zeugen entstehende Diskussionen von einer fehlenden Auseinandersetzung mit der Komplexität der Gesamtdynamik und einer Blindheit für die damit einhergehende demokratiefeindliche Umwälzung der Gesellschaft. Es geht nicht darum, dass Facebook weiß, wann du Geburtstag hast; dass Amazon weiß, welche Bücher du liest oder zu welchen Zeiten du morgens deine Smarthome-Beleuchtung begrüßt und abends deinen Besuch verabschiedest. Es geht um die Entstehung neuer Machtformen, die im unsichtbaren Hintergrundrauschen einer sich ausbreitenden Digitalinfrastruktur die Konzepte individueller Souveränität und Autonomie durch verhaltensregulierendes Eingreifen in Frage stellt. Denn um dem Markt stetig bessere Vorhersageprodukte bieten zu können, erfordert die Wettbewerbsdynamik des Überwachungskapitalismus eine Anhäufung von immer mehr und immer diverseren Daten. Die logische Konsequenz bezeichnet Zuboff als “Extraktionsimperativ” (extraction imperative): Getrieben durch das Verlangen nach Größen- und Diversifikationsvorteilen, verlagern sich die Nachschubopertionen der Überwachungswirtschaft über den Online-Raum hinaus, in unsere Offline-Welt und in immer intimere Sphären menschlicher Erfahrung hinein.

Ich möchte nicht nur wissen, welche Online Medien du konsumierst, oder mit wem du dich auf Social Media vernetzt; ich möchte Zugang zu deinen Emotionen, zu deiner Stimme, zu Gesichtern und deiner Persönlichkeit.

Doch die steigende Lukrativität des Handels mit feingranularen Verhaltensdaten, führt zu einem weiterhin zunehmenden Wettbewerbsdruck, sodass auch Größen- und Diversifikationsvorteile bald nicht mehr ausreichen. Wieviel zielführender wäre es, das menschliche Verhalten durch aktives Eingreifen zu beeinflussen und somit den wohl vorhersagekräftigsten, da  aktiv herbeigeführten Verhaltensüberschuss zu erzeugen! Man nenne es Nudging, man nenne es zielorientierte Personalisierung oder Manipulation im Sinne einer kommerziellen Optimierung. Letztendlich geht es um Verhaltensmodifikation – eine Automatisierung nicht von Datenflüssen, sondern von menschlichem Verhalten an sich – ermöglicht durch möglichst nahtlose Beeinflussungs-Prozesse, außerhalb der bewussten Auseinandersetzung und somit jenseits der Möglichkeit der Selbstbestimmung des Einzelnen.

Man blicke auf Pokémon-Go: Eine Anwendung, die es ohne jeglichen Anschein forcierter Einflussnahme vermag, tausende Spieler in Geschäfte, Bars und Restaurants zu treiben, die für die für sie profitable Platzierung verlockender digitaler Spiel-Artefakte großzügig zahlen. Während dieses Beispiel die heutige Auflösung von online und offline Grenzen der Verhaltenserfassung und -manipulation eindrücklich macht, geht Zuboff im Detail auf viele Weitere  Beispiele ein und schon allein dafür lohnt sich ein Blick ins Buch.

Die Herausforderung vor der wir stehen, ist die Tatsache, dass Verhaltensmanipulation ein kommerzieller Imperativ geworden ist, im Kontext dessen der Narrativ eines uneingeschränkt wünschenswerten digitalen Verbundenseins für die Marktziele einiger weniger Akteure instrumentalisiert wird. Mit der Fähigkeit, sich private Erfahrung anzueignen und individuelles Verhalten zu manipulieren, beherrscht der Imperativ des Überwachungskapitalismus den digitalen Raum, auf welchen wir uns zunehmend im Kontext der sozialen Interaktion, Arbeit, Bildung, Gesundheit und vielem mehr angewiesen sehen. Oftmals bleibt dem Einzelnen dabei schlichtweg keine Wahl: No Exit und infrastrukturelle Abhängigkeit sind der Kern des informationskapitalistischen Erfolges und der damit einhergehenden Fusion persönlicher Bedürfnisse und ökonomischer Enteignung.

Wiederholt wirft Zuboff die Frage in den Raum “Who decides? Who decides who decides?”

Die Macht menschliches Verhalten zu manipulieren, liegt in den Händen einiger weniger Akteure – eine Machtkonzentration, die keinerlei demokratischer oder moralischer Legitimation entspringt. Eine Machtkonzentration, die individuelle Autonomie und Entscheidungssouveränität und somit das unabdingbare Fundament einer demokratischen Gesellschaft untergräbt. Die Konsequenz ist eine neue Form der sozialen Ungleichheit: Eine beispiellose Asymmetrie an Wissen, daraus resultierender Macht und Entscheidungsgewalt. Es fehlt an Möglichkeiten des Ausstiegs; es fehlt an Möglichkeiten des Widerspruchs und Alternativen – die Antwort sehen wir in zynisch-resignierter Abstumpfung gegenüber der trackenden, analysierenden, modifizierenden Realität: Ich habe ja nichts zu verbergen.

Doch während die Normalisierung der Umstände sich gerne hinter dem Eindruck eines technologischen Determinismus zu verstecken versucht, ist das momentane Wirken überwachungskapitalistischer Strukturen keinesfalls unvermeidbar. Sie sind in einem bestimmten sozialen und historischen Kontext entstanden, in welchem wir sie ebenso gut hinterfragen, anfechten und transformieren können. Nicht alles was erfolgreich ist, ist gut. Daher gilt es der Rhetorik des Unvermeidlichen eine Entrüstung entgegenzusetzen; einer Forderung nach kollektivem Handeln und institutionellen Antworten auf die Herabwürdigung menschlicher Erfahrung.

Zuboffs Buch ist sicherlich nicht in einem einzigen Artikel abzuhandeln, vielmehr bietet es einen Ausgangspunkt für eine ganze Bandbreite an Überlegungen, Diskussionen und Lösungsvorschlägen. Dieser Artikel ist daher wohl als Buchempfehlung mit persönlichem Nachdruck zu verstehen. Ich habe mich entschieden, Zuboffs warnende Deutlichkeit möglichst originalgetreu zusammenzufassen. Ein Anstoßen der thematischen Auseinandersetzung kann von einer empfundenen Dringlichkeit nur profitieren. Und ich denke es ist höchste Zeit, uns mit den huge-picture effects einer zunehmend vernetzten Menschheit auseinanderzusetzen und uns als Vertreter individueller und demokratischer Interessen mit angebrachter Entrüstung in die Lebensrealität-schaffenden Schattensysteme des 21. Jahrhunderts einzumischen.

Für alle die das 3kg Manuskript abschreckt gibt es auf Youtube eine leicht verdauliche Doku über Shoshana Zuboffs Arbeit, in der auch die Autorin selbst zu Wort kommt.

Als Nachwort ein kurzer Disclaimer: Wie alle Artikel auf Data& ist der folgende Text Ausdruck der persönlichen Sichtweise der Autorin. Der Technologie-kritische Unterton des Textes ist somit keine Stellungnahme von Data&, sondern spiegelt vielmehr den deutlich kritischen Standpunkt des hier vorgestellten Buches wider.