In immer mehr Lebensbereichen wird es zur Normalität von intelligenten Systemen umgeben, bespaßt, beraten und beeinflusst zu werden. Die Integration von “künstlicher Intelligenz” in Alltagsobjekten – Uhren, Beleuchtungen, Kühlschränken und Babyphone – zeigt, dass intelligente Systeme dabei in immer privatere Räume vorstoßen. Doch während eine Kennzeichnung als intelligent, smart oder connected in vielen Fällen noch immer als auszeichnendes Produktfeature beworben wird, verschwinden intelligente Systeme an anderen Stellen durch stetig optimierte Einbettung zunehmend aus unserem Sichtfeld.

In den 1950ern füllten Computer noch ganze Zimmer aus – wir traten sehr bewusst in einen Raum mit der Maschine. Mit dem PC holten wir Computer in unser Zimmer; mit dem Smartphone in unsere Hosentasche und mit der Apple Watch an unser Handgelenk. Es schien als hätten wir die Macht des Computers gezähmt – gezwungen in immer kleinere und handlichere Gehäuse dank, dem Mooreschen Gesetz folgend, stetig verbesserter Rechenleistung bei schrumpfender Chipgröße. 

Bühnenauftritt Embedded Computing – Bühnenauftritt Smart Home.

Und plötzlich sind es nicht mehr wir, die bewusst in einen Raum mit der Maschine treten, noch geben wir der Maschine, wie im Falle eines PCs, bewusst einen dedizierten Platz in unserem Raum. Vielmehr werden Raum und Maschine eins; wird jede Handlung im Inneren des Raumes eine potentielle Datenspur im wachsenden Netz digitaler Systeme, das wir zunehmend in privaten und öffentlichen Räumen aufspannen. Nachdem wir zumindest im privaten Zuhause der Einflussnahme dieser Systeme auf unser Leben zugestimmt, wahrscheinlich sogar selbst dafür gezahlt haben, gewöhnen wir uns an ihre Präsenz – und die stille Unaufdringlichkeit ihrer Autorität.

Zweifellos bringt die vermehrte Unsichtbarkeit der Tech-Komponente in unserem Umfeld Vorteile. Im Englischen spricht man von seamlessness, also einer möglichst nahtlosen Integration technologischer Systeme in unserer Alltagsrealität. Was unsichtbar ist kann nicht stören; Technologie soll keine Reibung erzeugen – sie soll intuitiv sein und soviel wie möglich sollte jenseits menschlicher Wahrnehmung ablaufen. Im Vordergrund des Sichtbaren steht die Funktionalität, die Convenience und User Experience.

Die Notwendigkeit technologischer Unsichtbarkeit

Eine vermehrte Unsichtbarkeit und intuitive Bedienung technologischer Systeme kann auch deshalb als notwendige Entwicklung suggeriert werden, weil die Anzahl solcher Systeme im Lebensalltag eines Menschen in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit rapide zunehmen wird. Dem modernen Homo Digitalis wäre eine bewusste Auseinandersetzung mit allen ihn beeinflussenden Systeme irgendwann schlicht unmöglich. Eine illustrative Analogie ist im heutigen Umgang mit Datenschutzbestimmungen sichtbar: Wie viele auf Webseiten aufpoppende Cookie-Policies haben Sie in der letzten Woche gelesen und verstanden? Wie häufig haben Sie ohne Zögern einfach auf “Zustimmen” geklickt, um möglichst schnell an den für Sie eigentlich interessanten Content der Seite zu kommen? Eine Komplexitätsreduktion hinsichtlich der Bedienung technischer Alltäglichkeiten scheint angesichts der zukünftig zu erwartenden Dauerpräsenz technologischer Systeme somit eine unausweichliche Notwendigkeit.

Über die Wünschbarkeit zunehmend intuitiver Mensch-Maschine Interaktion zu diskutieren, scheint also wenig lohnenswert, da dies ohnehin sehr sehr wahrscheinlich, von vielen Akteuren getrieben und aus vielfältigem Interesse heraus gewollt ist. Dennoch, die bewusste Auseinandersetzung mit möglichen Konsequenzen einer solchen Entwicklung, sowie eine Diskussion über einen gesellschaftlich wünschenswerten Umgang mit diesen Folgen, erscheint mir dennoch nicht nur lohnenswert, sondern absolut notwendig: Es ist der notwendige Ausgangspunkt für eine bewusste Gestaltung der Zukunft; einer Zukunft deren Leitmotiv über die Absicht einer gesteigerter User Experience hinausgehen sollte.

Was bedeutet es für uns – als Individuen sowie als Gesellschaft – in einer Welt zu leben, deren sichtbare, analoge Struktur und Prozesse zunehmend von einem Netz digitaler Systeme durchwoben werden?

Was heißt es für menschliche Souveränität, Autonomie und das Recht auf selbstbestimmtes Handeln, wenn die uns beeinflussenden Prozesse fortschreitend unsichtbar werden?

Unbewusst folgen Menschen fortlaufend einem Konstrukt aus erfahrungsbasierten Annahmen, um sich in der Realität zurechtzufinden und handlungsfähig zu sein. Wie ist damit umzugehen, dass die Digitalisierung von Alltagsgegenständen und Alltagsumgebungen unsere gewohnte Fähigkeit in Frage stellt, die Regeln, unterliegenden Logiken und involvierten Interessen des uns oh-so-bekannten nachzuvollziehen?

Sensoren werden kleiner, unsichtbarer; und zudem steigt der Informationsgehalt der aus kleinsten Schnipseln unseres Daseins – seien es Texte, Fotos, Browserverläufe oder Mouse-Bewegungen – gewonnen werden kann, dank besseren Algorithmen, raffinierten Profiling-Techniken und einer rapide wachsenden Menge an verfügbaren Daten.

Wie ist es in einer Welt zu leben, in der es uns zunehmend unmöglich ist, uns bewusst zu sein – uns bewusst zu entscheiden – welche Datenspuren wir hinterlassen während wir nichts weiter tun als uns durch einen Raum zu bewegen? Als 47 Sekunden für das Lesen eines Online Artikels zu brauchen oder den grünen statt den roten Apfel aus dem Kühlschrank zu nehmen?

“Man kann nicht nicht kommunizieren” – Watzlawicks Axiom scheint in Zeiten der Digitalisierung aktueller denn je.