Der Begriff der Corporate Social Responsibility (CSR) hat sich seit Langem in Diskussionen um die gesellschaftliche Rolle und Verantwortung von Unternehmen etabliert. Doch was bedeutet Corporate Social Responsibility im Zeitalter der Digitalisierung, in welchem sich Aktivitäten und Handlungsspielräume von Unternehmen zunehmend in einen digitalen Kontext verschieben? Bleibt alles beim Alten plus ein wenig Datenschutz? Oder ist alles ganz anders, das Wettrennen um digitalen Fortschritt viel zu schnelllebig für gesellschaftliche Gedankenspiele, bzw. ohnehin schon an die Vormachtstellung einiger weniger Tech-Giganten verloren? Die Zeit scheint reif für eine Debatte über Unternehmerische Digitalverantwortung: Willkommen im Zeitalter von Corporate Digital Responsibility (CDR).

Corporate Digital Responsibility als Teilbereich Unternehmerischer Verantwortung

Corporate Social Responsibility beschreibt die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens – also eines Wirtschaftens, dessen Sinn und Leitbild über wirtschaftliche Umsätze hinaus geht. Für Unternehmen bedeutet CSR eine Selbstverpflichtung zu sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit die rechtlich bindende Pflichten übersteigt. Konkret kann es dabei beispielsweise um den sparsamen Verbrauch natürlicher Ressourcen, Beiträge zum Klima- und Umweltschutz, mitarbeiterorientierte Personalpolitik oder faire Geschäftspraktiken und eine nachhaltige Lieferkette gehen.

Die Digitalisierung von Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen ist eine der rasantesten Entwicklungen der jüngsten Jahre – eine Entwicklung, die einerseits als Chance, andererseits als neue Herausforderung für Unternehmerische Verantwortung begriffen werden kann. Die zunehmende Vernetzung von Produktionsprozessen beispielsweise ermöglicht gesteigerte Transparenz und fördert somit gleichsam Anreiz und Kontrollmöglichkeiten für nachhaltige Lieferketten. Andererseits stellt uns die Digitalisierung vor Herausforderungen wie – nur um einige Beispiele zu nennen – die potentiellen Verhärtung sozialer Ungleichheiten, ein steigender Ressourcen- und Energiebedarf oder ethische Bedenken, die es im Kontext des technologischen Fortschritts zu diskutieren gilt. Unternehmerische Digitalverantwortung ist somit als Teilbereich genereller CSR-Aktivitäten zu verstehen.

Es ist wichtig, gleich zu Anfang zu betonen, dass Corporate Digital Responsibility (CDR) keinesfalls nur für Unternehmen der Digital- oder IT-Branche von Bedeutung ist! Die Digitalisierung bedeutet einen tiefgreifenden Wandel, der alle Branchen umfasst, auch wenn die Veränderung im Einzelfall unterschiedlich sichtbar ist. Während manche Branchen erst durch die Digitalisierung entstanden sind, ermöglicht der technologische Fortschritt an anderer Stelle die Entwicklung neuer Produkte, treibt eine Veränderung bestehender Geschäftsmodelle oder zeigt sich in der internen Nutzung neuer Systeme und Computer-Programme.

Um die unterschiedlichen Ausprägungen und relevanten Aspekte der CDR einzufangen, schlage ich vor, diese entlang von drei Handlungsfeldern zu diskutieren:

  1. Verantwortung im Umgang mit digitalen Daten (z.B. Kunden- & Personaldaten)
  2. Verantwortung in der Nutzung digitaler Produkte (z.B. Automatisierung von Hiring-Prozesse)
  3. Verantwortung in der Entwicklung von digitalen Produkten

Verantwortung im Umgang mit digitalen Daten

Wie eingangs erwähnt, setzt CDR dort ein, wo Unternehmerische Verantwortung über gesetzliche Anforderungen hinausgeht. Verantwortung im Kontext des ersten Handlungsfeldes darf somit nicht als bloßes Befolgen des gesetzlichen Datenschutzes gesehen werden: Besonders bei Zustimmung der betroffenen Person erlaubt auch der gesetzliche Rahmen die Erfassung und Verwendung von persönlichen Daten in Szenarien, die ethisch oder gesellschaftlich zumindest diskutabel sind. Andererseits begrenzt sich ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Daten nicht nur auf den Schutz persönlicher Daten, sondern könnte beispielsweise auch das bewusste Teilen nicht-personenbezogener Daten zum Wohle des sozialen Miteinanders z.B. im Rahmen von Open-Data Projekten implizieren. Während die Frage, wie genau Verantwortung im Umgang mit digitalen Daten aussieht, letztendlich also nur nach Betrachtung des Einzelfalls abschließend beantwortet werden kann, stellt dieses erste CDR Handlungsfeld an Unternehmen jeder Art den Anspruch, den bewussten Umgang mit Datenressourcen zu schärfen und entsprechende Verantwortung als interne Priorität mit ausreichenden Budgets und Ressourcen zu besetzen.

Verantwortung in der Nutzung digitaler Produkte

Das zweite CDR Handlungsfeld beschreibt eine Verantwortung, die teilweise mit dem generellen Umgang mit (personenbezogenen) Daten zusammenhängt, gleichzeitig jedoch darüber hinausgeht und somit gesonderter Betrachtung bedarf. Die Bandbreite von in Unternehmen genutzten digitalen Produkten ist enorm und umfasst alles von generischen Computerprogrammen oder Cloud-Anwendungen, über Branchen-spezifische Lösungen (beispielsweise zur Vernetzung von Produktionsmaschinen), hin zu Systemen der internen Verwaltung. Gleichsam zum ersten Handlungsfeld, verlangt CDR von Unternehmen also auch in diesem Kontext eine eigenständige, individuelle Auseinandersetzung mit resultierenden Verantwortungen. Eine solche Auseinandersetzung fordert eine ehrliche Selbstreflexion bezüglich unterliegenden Motivationen und Handlungsalternativen entlang Leitfragen wie:

  • Welche Motivation begründet den Einsatz eines bestimmten digitalen Produktes?
  • Besonders in Kontexten, wo das Produkt den Umgang mit Menschen tangiert – wie beispielsweise beim Einsatz von Algorithmen in Recruiting-Prozessen: Welche Risiken gilt es zu durchdenken? Welche Werte des sozialen Miteinanders müssen dem Versprechen wirtschaftlicher Effizienzgewinne gegenüber gestellt werden?
  • Welche Entscheidungskriterien ( = Motivationen und Werte) bestimmen die Wahl genutzter digitalen Produkte?
  • Was sind gesellschaftliche und wirtschaftliche Big Picture Effekte der entsprechenden Wahl – wäre es möglicherweise sinnvoll und möglich, auf das Angebot und somit die Stärkung der Tech-Giganten Google, Amazon & Co. im Sinne einer (europäischen) Alternative zu verzichten?

Als Nutzer digitaler Produkte stehen Unternehmen in einer Konsumentenrolle, die eine Verantwortung im Sinne des nachhaltigen Konsumierens impliziert. In gewisser Weise haben Unternehmen also die gleiche (wenn nicht eine noch stärkere, da in ihrem Effekt meist weitreichendere) Komsum-Verantwortung, wie jeder einzelne von uns im Alltag, wenn wir vor der Wahl zwischen Bio-Freiland-Bodenhaltungseiern und den weitaus günstigeren Eiern von Legebatterie-Hühnern stehen. Die Implikationen einer solchen Verantwortung mit dem Argument optimierter wirtschaftlicher Profitabilität anzugreifen ist ein leichtes, doch letztendlich geht es bei CDR genau darum: Es geht um ein Hinterfragen von Wirtschaftlichkeit als höchstes Ziel des Unternehmertums und um das Anzweifeln der Idee, dass gesellschaftlicher Wohlstand nur durch wirtschaftliches Wachstum getrieben wird. Es geht um Entscheidungen, die einer puren Wirtschaftslogik im Einzelfall vielleicht widersprechen, weil sie sich an ethischen oder gesellschaftlichen Bigger Picture Absichten orientieren. Alles andere ist digitales Greenwashing.

Verantwortung in der Entwicklung von Produkten

Das dritte und letzte aufgezeigte CDR Handlungsfeld – Verantwortung in der Entwicklung von Produkten – steht in starkem Zusammenhang mit einem meiner Lieblingsthemen: Technologie ist niemals neutral. Technologische Erfindungen sind notwendigerweise das Ergebnis von Entwicklungs- und Design-Entscheidungen und somit Ausdruck eines expliziten oder implizierten Normen- und Werte-Profils. Sprich: Technologiedesign implementiert Werte. Ein ganz klassisches und unfuturistisches Beispiel dafür finden wir im Kopierschutz einer DVD, welcher ein Ausdruck des gesellschaftlichen (darüber hinaus auch im Gesetz verankerten) Wertes ist, Künstler für ihre kreative Arbeit zu entlohnen.

Welche Werte stecken hinter dem Algorithmus einer Social Media Seite, deren Newsfeed darauf optimiert ist, die Aufmerksamkeits-Kapazitäten der Nutzer durch bodenloses Scrolling-Verhalten auszureizen? Ausdruck welcher Werte sind personalisierte Empfehlungen, die im Sinne der Klick-Maximierung potentielle gesellschaftliche Effekte wie Filterblasenbildung oder die Zirkulation von Verschwörungstheorien befeuern?

Jedes Design und jede (digitale) Architektur hat verhaltensregulierende Effekte: Produktdesign ermöglicht oder unterbindet den Handlungsspielraum von Menschen. Technologieentwickler werden somit notwendigerweise immer zu Regulatoren von individuellem – und im größeren Maßstab – gesellschaftlichem Verhalten.

Im Kontext von CDR ist es besonders wichtig zu erkennen, dass Designentscheidungen im Zeitalter der Digitalisierung nicht länger nur die Beschaffenheit der Objekte in unserer Umwelt bestimmen. Zunehmend bestimmen Designentscheidungen unsere (Wahrnehmung unserer) Umwelt an sich. Je mehr sich unser Leben im digitalen Raum abspielt und je tiefgreifender unsere Interaktion mit der analogen Welt durch daten-getriebene Systeme moderiert wird, desto mehr Macht haben die Entwickler digitaler Produkte über die Realitätswahrnehmung jedes Einzelnen, welche sich letztendlich zur gesamtgesellschaftlichen Realitätskonstruktion aufsummieren lässt.

Macht ist die Kehrseite von Verantwortung

Verantwortung in der Entwicklung digitaler Produkte geht also weit über Sicherheitsbedenken hinaus. Sie beinhaltet mehr als die (durchaus auch sehr wichtigen) Fragen: Was können Menschen mit meinem Produkt machen oder wie könnte mein Produkt schadhaft mißbraucht werden? In der Entwicklung von digitalen Produkten, die im großen Sinne die gesellschaftliche Wirklichkeitswahrnehmung beeinflussen, stellt sich letztendlich die Frage, in welcher Welt möchten wir leben? Welche gesellschaftlichen Werte möchten wir stärken? Müssen digitale Geschäftsmodelle ausnahmslos einer wirtschaftlichen Logik folgen, oder können wir es uns erlauben – sind wir im Sinne des großen Ganzen verpflichtet – teilweise anderen ethischen und gesellschaftlichen Überlegungen Vorrang zu geben?

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft. Sie birgt Chancen und stellt uns vor neue Herausforderungen; sie verändert Bestehendes und ermöglicht bisher Unmögliches. Handlungsspielraum impliziert Entscheidungsmöglichkeit – und Entscheidungen bedeuten Verantwortung.

Die Digitalisierung erfordert, dass Unternehmen in neuen Fragen Entscheidungen treffen, dass sie sich mit den vielschichtigen Aspekten digitaler Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle auseinandersetzen und sich bewusst machen, dass Corporate Digital Responsibility komplexer ist, als bestehende CSR-Aktivitäten plus eine Prise Datenschutz.